Hallo zusammen,
ich bin jetzt seit ein paar Tagen wieder in Quito, und ehrlich gesagt habe ich den Marathon noch nicht verdaut, mental meine ich. Deshalb hat das auch bis heute gedauert, eine Woche nach dem Marathon, bis das ich etwas schreiben konnte. Ich mußte erst einmal verschiedene Sachen für mich aufarbeiten.
Um es kurz zu fassen: Das ganze Rennen war ein einziges Desaster. Ich bin ja am Sonntagabend, eine Woche vor dem Marathon in New York angekommen, und hatte gehofft die Umstellung würde nicht schwer. Am Montag habe ich dann einfach ausgesetzt, da ich auch noch etwas müde war vom Flug und erst sehr spät oder früh ins Bett kam. Als ich dann am Dienstamorgen mein letztes etwas härteres Training absolvierte, hatte ich das Gefühl, als würde ich fliegen. In den folgenden Tagen legte sich das Gefühl vom Fliegen, aber im Prinzip doch noch immer sehr gut. Laufen praktisch ohne Anstrengung. Leider mußte ich dann am Samstag umziehen, dem Tag vor dem Rennen, da eine laute Party bei meinem Schwager gefeiert wurde. Das war zwar blöde, sehe es aber im Nachhinein nicht als so gravierend an.
Bis zum Start des Rennens verlief eigentlich alles ziemlich normal mit auf den Klo rennen, und sonstigen Aktivitäten in letzter Minute. Dann ging es zur Startaufstellung, dort konnte ich mich sehr weit nach vorne mogeln, und ging nur 40 Sekunden nach dem eigentlichen Startschuss mit “New York, New York” von Frank Sinatra auf die Strecke. Zwei oder drei Minuten vor dem Start habe ich dann ein Energiegel mit etwa Wasser zu mir genommen. Das mache immer kurz vor dem Start, um nachher nicht aufs Klo zu müssen. Ausserdem trinke ich nichts in den letzten zwei Stunden vor dem Start. Tja, geholfen hatte es mir dieses Mal aber nicht. Ich bin inzwischen so 30 Marathons und Ultramarathons gelaufen, und mußte noch nie unterwegs pinkeln. Dieses Mal spürte ich es schon nach ein paar Minuten. Nach gut zwei Kilometern kurz vor dem Ende der Verazzanobrücke, wo keine Zuschauer stehen, habe ich dann für mich persönlich die Brücke eingeweiht. Na ja, habe ich mir gedacht, besser jetzt am Anfang wo man noch nicht so im Rhythmus ist, als nachher mitten im Rennen. Anschliessend ging es dann für eine Weile ganz gut, doch beim passieren der Meilenmarkierungen und beim Schauen auf die Uhr stellte ich fest, dass ich nicht so schnell unterwegs war um die 3 Stunden zu knacken. Ich versuchte dann schneller zu laufen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl die Handbremse gezogen zu haben. Ich konnte einfach nicht schneller laufen. Das Lustige war dabei auch, dass ich mich irgendwie total unterfordert gefühlt habe. In dem Moment war das aber natürlich ganz und gar nicht lustig für mich. Zu allem Überfluß bekam ich auch noch Schmerzen im rechten Bein, völlig unerklärlich. Das war teilweise so schlimm, dass ich das Gefühl hatte mein Bein gibt unter mir nach. Ich bin kilometerlang völlig unrund gelaufen. Total verrückt war, dass diese Schmerzen sich nach knapp 30 Kilometer wieder gelegt haben, und ich normal laufen konnte. Doch zu diesem Zeitpunkt nach 10, 15 Kilometern war ich schon so frustirert, dass ich aussteigen wollte. So früh ist mir dieser Gedanke noch nie gekommen. Doch dann habe ich mir Mut zugesprochen und gesagt, vielleicht wird es später ja besser.
Doch es wurde nicht besser, ganz im Gegenteil, denn kurze Zeit später kündigte sich Großes an. Tja, ich habe noch gedacht, ich könnte es irgendwie schaffen durchzulaufen, aber ganz kurz vor der Halbmarathonmarke sah ich mehrere Toilettenhäuschen und habe dann meine unvermeidliche Sitzung abgehalten. Ich schaute auf die Uhr als ich bei der Halbmarathonmarke, die am obersten Teil einer Brücke ist, durchlief. Da stand irgendwas von 1:40 Stunde, minus den 40 Sekunden, bedeuteten für mich lächerliche 1:39:xx, und den schwersten Teil der Strecke hatte ich ja noch vor mir. Dann habe ich mir gesagt, als ich die Brücke runterlief, den Lauf mußt du jetzt irgendwie anständig zu Ende bringen, und zwar unter 3:20 Stunden. So habe ich mich dann immer versucht an anderen zu orientieren, die mich überholten, und bin deren Tempo dann einfach mitgelaufen, und zwar so was von locker, dass ich manchmal dann einfach vorbeigelaufen bin. Würde gerne mal wissen, auf welchem Platz ich zur Halbzeit oder nach 30km lag, denn ich habe jede Menge Leute überholt. Doch nicht weil ich irgendwie schneller gelaufen bin, nein, sondern weil alle anderen um mich herum immer langsamer wurden. Dann hatte ich auch noch einen Unfall, weiß aber nicht mehr wann das passierte. Jedenfalls wollte ich an einer Verpflegungsstelle einen Wasserbecher nehmen, als mich jemand von hinten voll in den Rücken stieß. Ich verlor die Balance, und die Sonnenbrille flog im hohem Bogen durch die Luft. Als diese auf dem Boden aufprallte, löste sich das Gummiteil für den Nasenaufsatz, und sprang dann kreuz und quer über die Straße. Ich griff schnell nach der Brille mit einer Hand, die andere Hand hielt ich nach oben und schrie Vorsicht, während ich gleichzeitig den Nasenaufsatz suchte. Als ich diesen dann endlich sah, stieß ein anderer Läufer dagegen, und ich suchte das Teil erneut. Als ich es dann endlich gefunden hatte, lief ich wieder los und versuchte während des Laufens dieses Teil wieder an der Brille zu befestigen. Das war aber gar nicht so einfach, und hat mich noch einiges an Frustration und Zeit gekostet, da ich zwischendurch nur noch langsam trabte.
Ehrlich, das war Slapstick pur, und ich wundere mich bis jetzt noch, dass mich nicht jemand über den Haufen gelaufen hat. Total verrückt. Dennoch kam ich irgendwie wieder in die Gänge, und bin total locker die Queensboroughbrücke hochgelaufen, und habe dabei jede Menge Leute überholt. Anschließend ging es auf die 1st Avenue, dem großen New Yorker Theater für jeden Läufer. Was da für Unmengen an Leuten stehen ist kaum zu beschreiben, die einen sagenhaften Lärm veranstalten. Da bekommen dann die meisten Leute Gänsehaut und fangen an viel zu früh zu beschleunigen, um dann ein paar Kilometer später jämmerlich einzugehen. Ich war gerade gut auf der 1st Avenue, als mich ein Läufer überholte. Als der so ein paar Meter weg war von mir, packte mich der sportliche Ehrgeiz, ich beschleunigte, und hing mich an ihn ran. Nach ein oder zwei Kilometern bin ich dann einfach an ihm vorbei gelaufen, und habe ihn nicht mehr gesehen. Manchmal hatte ich das Gefühl als bräuchte ich jemanden, der mich zieht, mit dem ich mitlaufen könnte. Doch das war immer nur sporadisch. Im Prinzip hatte ich immer den gleichen Trott drauf. Im Training habe ich manchmal auf den letzten sieben, acht Kilometern ziemlich Gas gegeben, schneller als Marathontempo, und fühlte mich supergut. Doch am vergangenen Sonntag hatte ich nur das Gefühl als könnte ich immer weiter laufen, nur ohne höheres Tempo. Das merkte ich auch als ich auf die 5th Avenue einbog, ich lief und lief und lief. Ich wurde überhaupt nicht müde. Das war fast schon ein surreales Gefühl. Manchmal hatte ich den Gedanken, wenn das doch jetzt ein Ultramarathon wäre, dann….
Doch es war natürlich keiner. Normalerweise hatte ich immer auf der 5th Avenue einen Einbruch, da diese nicht nur eine langgezogene ansteigende Gerade ist, sondern normalerweise auch Gegenwind hat. Dieses Mal hat mir das nichts ausgemacht. Die Steigung gab es für mich nicht, und der Wind hielt sich auch in Grenzen. Überhaupt war das Wetter wie gemacht, um Bestzeiten zu erzielen. Sonne aber nicht warm, blauer Himmel und kaum Wind. Ideales Marathonwetter. Selbst im welligen Central Park hatte ich Null Probleme, und lief als wäre das ein lockerer Lauf zur Mittagsstunde. Die letzten paar Hundert Meter vor dem Ziel habe ich dann nur noch versucht, den ganzen Lauf zu vergessen und mich auf die jubelnden Zuschauer konzentriert. Da habe ich dann tatsächlich noch eine Sekunde meine Durchschnittszeit verloren. Denn als ich beim Halbmarathon durchlief, hatte ich eine Zwischenzeit pro Meile von 7:35 Minuten, und am Ende standen 7:36 Stunden auf dem Papier. Bei km 40 hatte ich auch noch 7:35. Bin also laut Uhr total gleichmäßig durchgelaufen. Meine Endzeit war dann eine unterirdische 3:18:52 Stunden. Damit habe ich aber wenigstens eines geschafft, nämlich die automatische Qualifikation für den nächsten New York Marathon. Ein weiterer Vorteil dieses nicht an die Substanz gehenden Marathons war, dass ich am darauffolgenden Tag und in den nächsten Tagen absolut keinen Muskelkater hatte. Mir war so, als könnte ich gleich noch einmal einen Marathon laufen.
Jetzt habe ich eine Woche Pause gemacht, und werde am Montagmorgen dann einen lockeren Jog beim mir im Park machen, und einfach ein neues Paar Schuhe ausprobieren, die ich mir auf der Marathonmesse gekauft habe. Brooks Pure Project. Mal sehen, wie ich mich darin fühle. Vielleicht laufe ich in einer Woche einen Halbmarathon von Quito aus zum Äquator. Doch im Moment weiß ich noch nicht genau, ob ich das tun soll. Denn irgendwie steht mir nicht der Sinn nach Rennen. Trotzdem wäre es natürlich ein geiles Rennen aufgrund der Tatsache, dass es zum Äquator geht.
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